Der Kimono

Der Kimono

 

Nathan Ceas

 

Immer, wenn ich überlegte was ich schreiben sollte, sah ich auf den Kimono, der gelangweilt an der Schlafzimmertür hing. Auf einem Bügel versteht sich.

 

Ordentlich. Die Farben faszinierten mich. Ein Ockergelb, das nach unten in ein zartes Blau endete   mit angedeuteten Mustern, wie Blumen und  Ornamenten. Ein sehr schöner Kimono. War es überhaupt ein Kimono, oder mehr ein Morgenrock  aus leichtem Stoff mit Fledermausärmeln. Was auch immer, ich musste hinschauen. Ich konnte mich auf nichts anderes konzentrieren. Dabei will ich doch was für die Lesung schreiben. Irgendetwas Nettes, Leichtes. Nichts worüber man nachdenken müsste. Nichts Tiefsinniges. Was mir sowieso selten gelang. Heute schon gar nicht wegen des Kimonos. Was war denn so Spannendes an dem Kimono. War der Stoff so hübsch bedruckt, dass es einem den Atem verschlug.

 

Oder war es die Erinnerung an die geliebte Frau, die mal darin war. Und mich überraschte, als ich es überhaupt nicht erwartet hatte. Nachts als ich schon im Bett war, stand sie plötzlich mit nichts weiter an, in dem reizvollen Kimono vor meinem Bett, ließ ihn vom Körper gleiten, schlüpfte unter meine Bettdecke und wir kuschelten uns beide ganz fest an einander. Ihre glatte warme Haut………….

 

Nein, nicht weiter. Schluss. Ende.

 

Hier höre ich. auf. Es wird nichts Neues. Immer wieder die fast gleiche Schilderung süßer körperlicher Zärtlichkeit.

 

Mir muss was Genierlicheres  einfallen.

 

Ich hab‘s

 

Brücke der Begegnung.

 

Allein. Einsam unter Menschen. Leere ohne dich.

 

Wortfetzen fliegen vorbei. Ich bin taub, stumm, blind.

 

Du bist allein. Zu dir ist es weit, sehr weit.

 

Straßenbahnen rattern und quietschen, Autos hupen, irgendwo Kinderlachen. Ich nehme es wahr wie ein

Traumwandler.

 

Hotelportier lächelt freundlich.

 

Weißes Bettzeug strahlt kalt.

 

Wozu ins Bett? Spazieren durch Straßen der Stadt.

 

Fleisch bietet sich an, nicht nur professionell.

 

Soll ich dich vergessen? Sie wollen es. Ich nicht.

 

Zurück.

 

Stimmen dröhnen durch das Foyer.

 

Nun sehe ich dich im Geiste.

 

Unsere Ahnen  trösteten sich mit dem Mond und sandten ihre Seufzer zu ihm hinauf.

 

Was taten sie, wenn Wolken ihn verdunkelten?

 

Heute haben wir eine ständige Brücke der Begegnung!

 

Du sitzt im Sessel, die Beine hochgezogen, der Rock fällt leicht zurück, die Hand hält eine Zigarette. – Ich spüre dich jetzt aus der Ferne.

 

Du wirst mir nah.

 

Mir wird warm.

 

Wenn die Scheibe wieder einem toten Auge gleicht, gehen wir zu Bett.

 

Du dort, ich hier.

 

Das Leben ist wiedergekehrt.

 

Und der Kimono hängt immer noch an der Tür. Leer. Auf dem Kleiderbügel und ich habe meinen Bademantel mit der Schlaufe auf den gleichen Haken gehängt. Jetzt deckt er den offenen Kimono zu. Ein obszönes Bild .

 

Wie schön wäre es, wenn sie ihn anhätte. Nur den Kimono, nichts weiter,

 

und vor meinem Bett stände.

 

Es fällt mir schwer zu atmen.