Generalprobe

Generalprobe
Eine szenische Lesung? von Nathan Ceas
Zeit: 1938

Nemitz, sitzt an einem Tisch, auf dem Schreibpapier liegt, zerknülltes auf dem Boden. Er hat einen Hut oder eine Kippa auf.
Gerda steht im Freeze im Halbdunkel, leicht geschminkt, kurzer Rock, Bluse, Kniestrümpfe, ein „deutsches Mädchen“
Nemitz:
Ach, die Gedanken!
Reime sind da, .....aber die Gedanken, die Gedanken !
Da sitze ich nun, trinke Kaffee, kaue am Bleistift, schreibe was hin, streiche wieder aus, und kann keinen Gedanken finden,
keinen Gedanken !
Und die Gedanken sind wie Vögelchen, kommen bleiben sitzen und schon fliegen sie wieder davon.

Ha, wie jetzt, wie packe ich es an ?
Halt, halt ! Was geht mir da für eine Idee auf ?
Herrlich ! Göttlich !
Und so profan, so alltäglich wie eine Fliege auf der Wurst.
Eben über den Gedanken, dass ich keinen Gedanken finden kann,
will ich einen Dialog machen, und wahrhaftig, dieser Gedanke über die Gedankenlosigkeit ist der genialste Gedanke,
der mir nur einfallen konnte!
Es wird eine Generalprobe bleiben. Nie eine Premiere werden.
Wie pikant, wie originell !
Auf Ehre, ich sehe doch recht genial aus !
Dann will ich anfangen !
Gerda kommt aus dem Freeze und geht auf Nathan zu

Nemitz : Sag, Gerda, was willst du denn noch von mir?
Haben wir nicht alles mehrmals durchgekaut.
Ich habe keine Lust, das alles zu wiederholen, was wir bereits bis zum geistigen Erbrechen besprochen haben, um dann doch beim selben Ergebnis zu bleiben,
das ermüdet mich.
Siehe den wunderschönen Vormittag, den stahl-
blauen Himmel ohne eine Wolke am Himmel, nichts
trübt diesen November Tag ein und die........

Gerda: .......die Sonne - ja - die Vögel, die so wunderschön quinquilieren, wie es Wilhelm Busch einmal in dem Gedicht über den Vogel sagte, der auf dem Leim saß....
So kommst du mir übrigens vor.
Merkst nicht wie der Kater immer näher kommt.
Hörst die Vögel singen, aber nicht den brüllenden
Gesang der siegestrunkenen braunen Horden.

Nemitz : Ich habe Kaffee aufgebrüht, riechst du es? Der Duft
des Kaffees zieht durch die ganze Wohnung.
Er steht in der Küche, du weißt schon wo, wenn du möchtest.

Gerda: Was ich von dir will? - Du bist so kühl, sachlich !
Deine Enttäuschung kann ich verstehen, ist mir verständlich – von meiner Liebe erwartest du nichts mehr.
Tag für Tag habe ich deine zerstört und so viele schöne Dinge aus Nachlässigkeit nicht mehr bemerkt.
Es war für mich alles so selbstverständlich geworden – deine Anrufe vom Büro,
von unterwegs, die vielen kleinen Aufmerksamkeiten,
deine zärtlichen Umarmungen, wenn du morgens das Haus verließest und dann als du nach hause kamst.
Deine uneingeschränkte Zuneigung.....
.........auch wenn ich meine Tage hatte.
Selbst die feinsten Kleinigkeiten meiner Erwiderung
fehlten.
Ich nahm alles für so selbstverständlich, dass ich nicht bemerkte, wie einseitig unsere Liebe wurde. Wahrscheinlich glaubte ich, dass unsere körperliche Liebe, die ich immer wieder mit Leidenschaft genoss,
der Kitt unserer Zuneigung sei.

Nemitz : Das ist doch nicht der ausschlaggebende Grund !
Vergisst du, als du mir sagtest, du wolltest dir deinen Hunger aufheben für einen anderen.
Für einen starken blonden Mann aus deinem Kulturkreis.
Ja, für den wolltest du dir deinen Hunger aufheben,
statt ihn mit mir zu stillen.
Ich war wieder allein.

Gerda: Nein........

Nemitz : Doch...... so war das. Und dass du mich zu tiefst verletzt hast, ---- war dir nicht bewusst ---- vielleicht war ich dir sogar lästig...... weil du irgendetwas erfinden musstest, um mich zu täuschen!
Um zu deinem blonden braun gekleideten Liebhaber zu gehen.

Gerda: Nein ----- das ist doch lange vorbei ----- aber ich bereue diese Erfahrung nicht.

Nemitz : Ich schon.
Ich bereue die Erfahrung,
die ich dabei gemacht habe.
Ich hätte gern darauf verzichtet!
Weißt du Gerda, für mich bedeutet Liebe, sich dem anderen auszuliefern und zwar ohne die Möglichkeit, sich zu verteidigen!

Gerda: Ich versuche gerade deine Liebe wieder zu gewinnen
und lerne dabei dich glücklicher zu machen. Möchte dir geben und anbieten, was ich dir wegen meines Eigen-nutzes nicht gab.
Deinen Namen mit meinem wieder in den Sand schreiben........ Mit dir die Sterne zählen...... und alle Versprechungen, die ich dir geschworen habe, einlösen.
Und obwohl du glaubst, dass es für uns zu spät ist,
weiß ich, dass zwischen uns etwas noch am Leben ist.

Nemitz: Kann ich mir kaum vorstellen.
Weißt du:
Eine sterbende Liebe ist schöner als eine werdende! Man schaut zurück voller Wehmut, legt so manches Wort falsch aus und gibt ihm einen anderen Sinn, eine vielschichtige Bedeutung, obwohl doch alles mehr oder weniger banal war.

Gerda: Nein.... Nie..... !

Ich weiß, zwischen uns ist noch etwas am Leben.
Doch ist es....... ja !!!!!
Ich spüre es !!!!!
Es ist wie ein seidener Faden, dünn aber von ungeheurer Zerreißfestigkeit. Du siehst ihn nicht und spürst ihn nicht.
Ich vermisse dich jetzt schon.
Obwohl du mir so nah bist.

Nemitz wendet sich ab und hört Gerda gar nicht mehr zu.

Nemitz: Sei still! Höre doch! Was ist das für ein Gegröle ?
Da splittern ja Schaufensterscheiben!
Mein Gott !
Greta, sag was machen die Menschen da?
Sie zerschlagen Schaufensterscheiben. Das sind doch
Braunhemden – SA Leute – so wie dein blonder Liebhaber.
Kannst du mir das erklären? Was ist los ?

Gerda: Nemitz, oh Nemitz. Sie jagen Juden. Schließen ihre
Geschäfte, ihre Läden.
Ich habe es dir schon öfter gesagt, du musst Deutschland verlassen, solange es noch möglich ist.
Synagogen brennen. Das ist kein Spuk, der wieder vorüber geht.
Er hat es mir gesagt und ich bin mit ihm ins Bett gegangen, um all das zu erfahren, wie ich dir helfen kann. Wie ich dich schützen kann.
Nathan glaube mir, rette dich.
Und wenn du es mir zu liebe tust. Du musst raus aus Deutschland.

Nemitz: Ach Gerda, das ist ein Spuk. Der geht vorbei. Ich bin kein religiöser Jude, war selten in einer Synagoge, ich bin ein Deutscher, ich war im Krieg, bin verletzt worden und habe das EK 1 und EK 2 bekommen. Mir tun sie doch nichts.
Was heißt überhaupt J U D E. Ich bin Deutscher wie
alle anderen auch hier im Haus. Wie du.
Sag, ist es wahr, dass du mich glauben machen willst,
du bist mit deinem braununiformierten Liebhaber ins
Bett gegangen, um mich zu beschützen....... mich zu
retten!
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX

Nemitz: Dann rufe mich an, wenn du mich vermisst, wenn du dich alleine wähnst, verlassen. Wir kennen uns, unsere Gedanken sind dem anderen nicht fremd. Sicher sind wir uns vertraut. Wie auch nicht.
Ich genieße heute noch deine Schreie,, wenn du den Gipfel der Lust erklommen hattest und dich nicht mehr halten konntest. Danach schliefst du oft auf meiner Brust ein. –
Ja, wir sind uns mehr als nahe gewesen. Es war wie in einem wunderschönen Traum, bis du deine Erfahrung machen musstest und bewusst meiner Wollust aus dem Wege gegangen bist.

Gerda: Warte...... geh noch nicht....... warte doch.
Höre mir bitte zu, um mich zu verstehen und nicht um mir zu antworten.
Wenn du die Wahrheit suchst, sei offen für das Unerwartet, denn es ist schwer zu finden und verwirrend, wenn du es findest.
Wende dich bitte noch nicht ab:
Wir sind Engel mit nur einem Flügel;
um zu fliegen, müssen wir umarmt bleiben.
Es ist noch was am Leben zwischen uns...........
Ich werde um dich kämpfen, dann kann ich natürlich verlieren, aber wenn ich erst gar nicht kämpfe, dann habe ich schon verloren.