Holly und der pfeifende Mario

Ein Stadtbummel


Draußen schneite es mit großen, schweren Flocken. Sie tanzten
wie fröhliche und aufgeregte Kinder vor Weihnachten. In
der Wohnung war es ganz still und friedlich.
Man hörte nur Mario in seiner Voliere von einer Stange zur
anderen hüpfen. Er wirkte sehr unruhig, sah mit seinen dunklen
Augen angestrengt ins Zimmer, als suche er etwas. Aber es
bewegte sich nichts. Mario wollte nachts, wenn die Herrschaft
schlief, eigentlich keinen seiner so herrlich lauten Pfeiftöne von
sich geben. Ihm blieb aber doch nichts anderes übrig, als die
Stille des Hauses zu unterbrechen.
Es war ein wundervoller, melodischer Ton, stark wie das
hohe E bei einer Oboe.
Mario lauschte mit schief gelegtem Kopf dem Verklingen
des Schalls hinterher, als erwarte er eine Reaktion. Hören tat er
nichts, sehen konnte er jedoch, wie sich Holly aufrichtete, einen
Katzenbuckel machte und gähnte, sodass man ihre kleinen, spitzen
Zähne sehen konnte. Sie sah in Richtung Mario und meinte
schläfrig, was das denn solle, sie aus ihren Träumen zu holen.
„Stell dich nicht so an, Holly. Ich will nur, dass du mich aus
meinem Käfig rauslässt. Träumen kannst du immer noch. Du
schläfst doch sowieso immerzu, ob tags oder nachts. Lass uns
beide eine Stadtbesichtigung machen.“
„Mario, du bist ein wirklich guter Pfeifer und alle lieben
dich deswegen, auch weil du menschliche Wörter nachsprechen
kannst. Dass du eine Stadtbesichtigung mit mir machen willst,
ist eine wirklich irre Idee. Nur – mitten in der Nacht ist das
wohl ein reines Hirngespinst von dir und dann in dieser extremen
Kälte! Ich öffne gerne deinen Käfig, damit du rauskannst,
aber mehr auch nicht. – Alles klar, Mario?“
122 | NATHAN CEAS
Holly bewegte sich lässig mit geschmeidigen Schritten auf
Marios Vogelbauer zu, vorsichtig Pfote vor Pfote setzend.
„Mann, Holly, das sieht ja sehr elegant aus, wie du gehst, das
passt sehr gut zu dir und deinem hübschen Aussehen. Welche
Katze hat schon drei Farben: Weiß, Hellbraun und Schwarz. Du
bist wirklich ein hübsches Ding.“
Holly war mit einem Sprung auf dem Tisch, drehte ihren
Kopf nach allen Seiten und genoss die Komplimente. Übrigens
fand sie das selber auch so.
„Übertreib nicht, Mario, das ist lieb von dir. Du mit deinen
schwarzen, glänzenden Federn, dem gelben Schnabel und dem
quittegelben Ring um deinen Kopf siehst aber auch sehr elegant
aus. Nicht zu vergessen dein wundervolles Pfeifen und vor allem,
dass du mit den Menschen sprechen kannst.“
Holly war mit einem Satz an Marios Käfig, der auf einem
runden Tisch stand. Sie drehte ihren Kopf langsam hin und her,
denn sie war der gleichen Meinung wie Mario, dass sie sehr gut
aussah. Mit ihrer samtweichen Pfote schob sie den Riegel an
der Drahttür zurück und klappte sie auf. Mario sprang in die
Öffnung und mit weniger als einem Flügelschlag saß er auf dem
Käfigdach. Man sah ihm an, wie stolz und froh er war. Er holte
einige Male tief Luft, richtete sich auf, wie Vögel das so tun,
wenn sie zufrieden und glücklich sind.
„Komm, Holly, wir schauen uns jetzt die Stadt an, die unsere
Herrschaft gebaut hat.
Die ist im Wohnzimmer auf einer Platte, die fast das ganze
Zimmer ausfüllt.“
„Ach, das meinst du. Das ist doch nichts Neues. Ich habe
das schon gesehen, als sie daran rumgebaut haben. Bin dann
aber eingeschlafen und danach war ich zu sehr mit mir selber
beschäftigt.“
„Genau das ist es, warum ich mit dir dahin will. Ich habe immer
nur gehört, wie unsere Herrschaft Töne der Begeisterung von sich
gegeben hat und manchmal aber auch ‚Mist – verdammt – nein,
schon wieder nicht – Schei…‘ und noch schlimmere Wörter.
Und du schläfst dabei ein. Holly, das muss jetzt mit dir anders
werden.“
NATHAN CEAS | 123
Sie machten sich auf den Weg. Mario flog durch alle Zimmer
und wieder zurück, setzte sich auf Gardinenstangen, ließ sich fallen,
spannte, bevor er den Fußboden berührte, die Flügel aus und
ging jetzt neben der stolzen Holly. Er hüpfte nicht, er lief, das tat
seine Rasse aus der Familie der Merlo Indiano schon seit Urzeiten.
Holly staunte nicht schlecht, sagte aber nichts. Sie konnte
nicht wissen, dass Marios Verwandte in Indien und Sumatra lebten
und sehr kluge und lernfähige Vögel waren. Sie selber war hier
in Köln geboren und nach Strich und Faden von den Menschen
verwöhnt worden. Kein Wunder, so wie sie aussah.
„Wir sind da“, prustete Mario los und erhob sich mit einem
Flügelschlag auf den Rand der riesengroßen Platte, „komm,
spring da rauf, Holly, hier ist genug Platz für dich.“ Mit seinem
gelbroten Schnabel wies er auf die Stelle, die er für Holly ausgesucht
hatte.
In den Häusern brannten die Lampen, die Straßenlaternen
spendeten ein mildes, angenehmes Licht. Neben der Kirche
war der Markt aufgebaut. Im Pfarrhaus sah man den Pastor am
Schreibtisch sitzen. Er bereitete die Sonntagspredigt vor. Etwas
bergab von der Kirche stand in einem großen Grundstück
eine prachtvolle Villa, die sicher dem Notar oder Kaufhausbesitzer
gehörte. Ging man die Straße weiter abwärts, dann kam
man zur Straßenbahn, die noch fuhr. Ihre Strecke begann in der
Siedlung mit all den wunderschönen, kleinen Fachwerkhäusern
und endete etwas außerhalb der Stadt an der Rodelbahn, Skipiste
und Eisbahn. Wie konnte es auch anders sein, hier stand
natürlich die Würstchenbude und es roch verlockend nach Thüringer
Rostbratwürstchen.
Holly und Mario starrten verblüfft auf diese Wunderstadt.
Einfach vollendet, dachten sie. Eine Stadt, die in einem Vorgebirge
hätte stehen können. Die Fenster, Türen und Fassaden waren
aus feinstem Material, Bäume und Gärten verschneit.
„Eine Stadt wie in einem Traum“, sagte Mario ganz beeindruckt,
„und die Straßenbahn fährt auch noch. – Ich fliege jetzt
mal auf die Kirchturmspitze und sehe mir das alles von noch viel
höher an. Und du, Holly, fährst mit der Straßenbahn von einer
Endstation der Traumstadt zur anderen.“
124 | NATHAN CEAS
Kaum hatte er das letzte Wort ausgesprochen, da sah Holly
ihn über der Stadt fliegen in Richtung Kirche. Sie setzte sich
in die Bahn, sah in die Schaufenster der Modeboutiquen und
Schuhgeschäfte. Am meisten faszinierten sie der Fleischer mit
seinen köstlichen Auslagen und der Bäcker mit den leckeren
Tortenstückchen. Die Bahn hielt an der Rodelbahn. Mit großer
Freude sah sie hinter der Würstchenbude, wie sich die Menschen
mit Eisenkufen an den Schuhen auf einer spiegelglatten
Eisfläche tänzerisch bewegten. Das wollte sie schon immer.
Schnell mischte sie sich unter die Menschen und bewegte sich
auf ihren Krallen bald eleganter als manch anderer Läufer. Hin
und wieder stach ein verlockender Bratwurstduft in ihre Nase
und sie bemerkte jetzt erst, dass sie einen Bärenkatzenhunger
hatte. Nach einem schnellen Blick auf die Rodelbahn lief sie
durch die breiten, baumbestandenen Straßen. Mit ihrer samtweichen
Tatze tippte sie an den Giebel des Fleischerhauses und
stellte zu ihrer großen Überraschung fest, dass das Haus aus
reinstem Porzellan war. Sie fuhr ihre Krallen aus. Und tatsächlich,
am Geräusch der kratzenden Krallen hörte sie den einzigartigen
Klang schwingenden Porzellans. Alles war aus Porzellan!
Ein Wunder wie im Märchen.
Unbemerkt stahl sie sich ein Kalbsfilet, kaute es so hastig
sie konnte und suchte nach Mario. Der saß inzwischen auf dem
Dach der Prachtvilla, sah begeistert auf den Weihnachtsmarkt
und beobachtete, was die Leute da so machten. Als Künstler
des Nachmachens erkannte er sofort, wie man aus einem Becher
trinkt. Er flog blitzschnell zur Glühweinbude, stibitzte einer
jungen Frau den Becher, verschwand damit in die Lüfte, setzte
sich wieder auf den Kirchturm und kippte den Glühwein in
sich hinein.
Es dauerte nicht lange und der Glühwein tat seine Wirkung.
Mario fühlte sich leicht und beschwingt. Er holte tief Luft, legte
den Kopf in den Nacken und pfiff so laut er konnte, zweimal
kurz hintereinander, dann folgte eine liedhafte Melodie aus der
Heimat seiner Ahnen.
Alle Menschen sahen hinauf zur Kirchturmspitze, lauschten
den wundervollen Tönen und wunderten sich, dass sie noch
NATHAN CEAS | 125
nie solch einen Vogel gesehen hatten. Jetzt fing er auch noch
an, auf der Wetterfahne Kunststücke zu machen. Holly war entsetzt.
Alle schauten auf Mario. Sie sprang im Kirchturm von
Stufe zu Stufe, rief ihm zu, er solle Schluss machen, sie müssten
wieder nach Hause.
„Ja, ja. Ist ja schon gut, Holly. Geh schon mal los. Ich komme
dann auch.“
Mario war außer Rand und Band. Er musste immer wieder
im Sturzflug mit lautem Pfeifen auf die Menschen am Glühweinstand
fliegen und, wenn es ihm gelang, auch mal einen Hut,
eine Mütze oder eine andere Kopfbedeckung stibitzen. Keiner
fühlte sich bedroht, ganz im Gegenteil, sie wurden von Marios
Übermut mitgerissen, fingen an zu singen und zu tanzen. Aus
der Kirche hörte man jetzt die Orgel Schlager spielen. Es war
eine ausgelassene, fröhliche Menschenmenge, die immer wieder
lauthals Mario rief.
Als Holly endlich Mario wieder neben sich laufen sah, war
sie beruhigt und meinte nur sehr schnippisch:
„Dich lasse ich nie wieder aus deinem Vogelkäfig raus. Du
machst nur Dummheiten, bringst die Menschen durcheinander.
Und in der Kirche spielen sie sogar Reggae, Hip-Hop statt
Kirchenlieder.“
Sie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken und dachte im
Stillen, eigentlich hat er ja recht, die Leute aufzumuntern und
zum Lachen zu bringen.
Als sie den Vogelbauer hinter Mario wieder verschloss, konnte
sie Mario auf seine Bitte hin, solche Ausflüge zu wiederholen,
keine Absage erteilen. Sie streckte ihre weiche Pfote durch das
Käfiggitter, Mario rieb seinen Kopf daran und beide waren sehr
glücklich.
In dieser Nacht schlief Holly doppelt so gut wie sonst, und
wenn man genau hinhörte, schien es so, als ob Mario schnarchen
würde.