Wo warst du...

Nathan Ceas

Wo warst Du…..?

Es ist für mich kaum vorstellbar, dass du etliche Flugstunden von mir entfernt bist. In Atlanta. Ja Atlanta. Was wäre Atlanta ohne Coca Cola, so unbedeutend und vergessen wie Köln ohne Dom. Ich kenne nur den Flughafen zum Umsteigen nach Richmond oder Louisana mit Delta Airlines. Ich weiß, du musstest dahin. Deine feierliche Entlassung aus dem Stipendium. Ich kann mir vorstellen, dass sie stolz auf dich sind, du hast immerhin mit dem Master das Studium abgeschlossen. Und ich bin erst stolz auf dich. Vielleicht habe ich einen kleinen Anteil an deinem Erfolg, obwohl ich auch heute noch der Auffassung bin, es gibt viel zu viele Betriebswirtschaftler. Aber du hast es gewollt und Coca Cola erst recht. Und jetzt musst du vier Jahre bei denen arbeiten, in der Hauptverwaltung. Was wird aus uns? In welcher Stadt ist das „European Headquarter“. Wie lange wirst du da sein. Und dann. Was dann.
Nein, mein Schatz, es ist dein Weg, ich hindere dich an nichts. Bisher haben wir es gemeinsam geschafft. Ich habe dich getröstet, wenn du es mit der Kostenrechnung nicht begriffen hattest und die Scheiss Statistik. Mit mir zusammenging es dann in dein hübsches Köpfchen und wir haben gelacht und uns geliebt. Du warst total entspannt und sinnlich, hemmungslos, das waren wir schon des Öfteren. Ich meine sogar, dass wir an diesem Abend noch nicht einmal was gegessen haben. Zum Frühstück dann, nachdem wir gemeinsam aufgewacht waren, haben wir das nachgeholt.
Weißt du, mein Liebes, miteinander schlafen, also Sex haben, ist nicht so Welt bewegend, aber zusammen schlafen, ohne Sex gehabt zu haben, bedeutet viel. Den anderen atmen hören, spüren wie er sich im Schlaf bewegt, ihn fühlen. Das finde ich intimer, vertrauensvoller. Das ist Gemeinsamkeit für mich. Und ich bin mir sicher, dass du auch so oder zumindest ähnlich empfindest.
Als ich gestern Abend ins Bett ging, vernahm ich einen Hauch deines Parfums. Woher der Duft kam, konnte ich nicht feststellen. Aber er war da. Opium. Du tupfst je ein Tröpfchen unterhalb deiner Ohren und einen größeren in deine Schamhaare. Du bist dir ganz sicher, dass das mich ganz verrückt macht. Das willst du ja auch. Neulich bin ich im KaDeWe dem Duft deines Parfums nachgelaufen. Die Trägerin fand ich dann in der Damenabteilung für Dessous. Ich dachte noch, ob sie auch? Sie sah verdammt gut aus und sie sah mich mit ihren bernsteinbraunen Augen herausfordernt an. Gäbe es dich nicht für mich, wären wir im Bett gelandet oder sonst wo. Du siehst wie dein Opium mich in die Irre führen kann. Aber du weißt, so wie ich, dass es auf jeder Haut etwas anders riecht. Und ich kenne nur den Geruch auf deiner zarten, samtweichen Haut und in deinen krausen Haaren unterhalb des Venushügels.
Du meine liebste Anastasia ich darf an solche süßen Dinge gar nicht denken. Wie gerne hätte ich dich jetzt hier bei mir. Aber mir ist auch bewusst, dass du deine berufliche Zukunft auf deine Weise in die Hände nehmen wirst und das hast du ja auch bereits getan. Ihr seid emanzipiert, ihr jungen Frauen von heute und keine grauen Mäuse mehr.
Und was ist dann Liebe?
Liebst du mich trotz deiner materiellen und finanziellen Unabhängigkeit oder weil du materiell und finanziell unabhängig bist. Ich bin nur halb so ehrgeizig wie du. Gelingt mir heute etwas nicht, dann eben morgen. Als Schauspielerin, bin ich oft mit mir nicht zufrieden und glaube es besser machen zu können. Versuche es dann bei der nächsten Vorstellung mit Anleitungen von Konstantin Stanislawski, dem großen Forscher und Beobachter der Schauspielkunst. Dann klappt es. Manchmal hast du mir nicht getraut und geglaubt, was ich da gerade gesagt habe, wäre ein Text aus einem Stück.
Nein, meine liebe Anastasia, mit nichts aber auch gar nichts könnte ich dir mit einem Text aus irgendwelchen Stücken huldigen. Es gibt nur einen Vierzeiler von Heinrich Heine aus dem Buch der Lieder, den ich seit Anfang unseres zusammen Seins im Herzen trage, respektive natürlich im Kopf habe.
Ich hab dich geliebet und liebe dich noch.
Und schlüge die ganze Welt zusammen
Aus ihren Trümmern stiegen noch
meiner Liebe sehnsuchtsvolle Flammen.
Warum ich ihn dir erst heute sage, kann ich dir nicht sagen, weiß ich nicht, vielleicht weil du so weit weg bist und du mir nicht widersprechen kannst.
Habe ich dir überhaupt schon gesagt, dass ich dich liebe? Ein Warum gibt es nicht. Es ist die Liebe eines Menschen mit viel enttäuschender Erfahrung. Ich liebe dich aufrichtig. Besonders beim Frühstück nach einer wilden Nacht, wenn wir uns beim Kaffeeschlürfen verliebt in die Augen schauen. So wie wir unsere geistigen Einstellungen kennen, kennen wir auch unsere erotischen körperlichen Bedürfnisse, unser Verlangen, unsere Lust.
Ja, wahrhaftig ich liebe dich. Du schränkst mich nicht ein, du lässt meine Persönlichkeit bestehen.
Ich kann mir beileibe nicht vorstellen, was wäre, wenn du auf einmal anfangen würdest, mich zu fragen:
Wo kommst du her? Wo warst du? Wo gehst du hin?
Unvorstellbar. Es täten sich Abgründe auf. Doch ich kann mir wohl vorstellen, dass das das Ende wäre. Nein, ich würde fliehen und die Welt nicht mehr verstehen.
Alle Hingabe, Zärtlichkeit, Zuneigung und Liebe wären abgetötet.
Nein – tue das nie!
Ich liebe dich, so wie du bist, so wie ich dich kennen gelernt habe. Weil du so warst wie du bist, habe ich mich in dich verliebt. Gott bewahre uns davor, dass der tägliche Kleinkram unsere Liebe erstickt. Das die kleinen Dinge an unserer Liebe bohren, so wie der Holzwurm einen Baum zum Umstürzen bringen kann.
Nach einer wilden Nacht, es kann auch ein Tag sein, will ich in deine Augen sehen, wie du in die meinen, und denken, ja ich liebe dich.
Jetzt warte ich, dass du aus Atlanta zurück kommst und für uns eine neue Zukunft beginnt.
Die Trennung ist für die Liebe das,
Was der Wind für das Feuer ist.
Ein starkes Feuer facht er an
Und ein schwaches wird erstickt.